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Stress Teil 1

Stress ist ein weltweit übernommener englischer Begriff, der Druck und Anspannung bezeichnet. 

Auf Lebewesen übertragen sind damit durch spezifische äußere Reize, die sogenannten „Stressoren“, hervorgerufene psychische und physische Reaktionen gemeint, die zur Bewältigung besonderer Anforderungen, insbesondere Gefahrensituationen, befähigen. 

Stellen Sie sich vor: Sie schlendern entspannt an den Schaufenstern Ihrer Lieblingsläden vorbei. Plötzlich springt, wie in einem Horrorfilm, ein grauenvoll brüllender gewaltiger Bär aus dem Dunkel hervor. Klare Sache: der Bär hat Hunger! Dieses geifernde Raubtier ist ein Stressor. Und was für ein Prachtexemplar von einem Stressor.

Genau für solche Schreckensszenarien hat die Evolution des Menschen hervorragende instinktive Reaktionsmechanismen hervorgebracht. 

Zunächst einmal: Klar ist, diese Bedrohung verlangt nach einer blitzschnellen Reaktion. Jetzt bleibt keine Zeit für verwundertes Nachdenken, wo denn etwa der Bär hergekommen sein mag oder wie ungerecht es ist, dass ausgerechnet Ihnen so etwas passiert oder ob sich mit dem Tier nicht eventuell reden lässt. Diejenigen unserer fernen „Vorgänger“ unter den Urprimaten mit einer „pazifistischen“ Ader oder einer „langen Leitung“, sind schon vor Millionen Jahren aus der Reihe möglicher Vorfahren ausgeschieden. 

Wir Menschen stammen von den aggressiven, reaktionsschnellen Überlebensspezialisten ab, von denjenigen, die nicht lange gefackelt haben. Dieses Erbe sagt auch schon etwas über den Menschen aus.

Damit also keine kostbare Reaktionszeit vertan wird, übernimmt das autonome oder unwillkürliche Nervensystem und der „neuro-hormonelle Komplex“ mit  seiner gemeinsamen Kommandozentrale, dem Gehirn, die Kontrolle. Der vernünftige Präfrontale Cortex (dem wir insbesondere unsere Rationalität verdanken) ist jetzt einfach zu langsam und wird harsch zur Seite gedrängt. Die Vernunft kommt erst wieder zu Wort, wenn die Krise überstanden ist. Auch das sagt etwas über unser Verhalten aus.

Vorab und vereinfacht zusammengefasst liefert das Zusammenspiel von Nervensystem  und Gehirn, Neurotransmittern und Hormonen die Grundausstattung für die Reaktion unseres Gesamtorganismus auf Stressoren, also die Abwehr von Gefahren für Leib und Leben. 

Die unwillkürlichen Reaktionen unseres Organismus laufen bei allen Menschen und den meisten anderen Tieren ähnlich ab. 

Leider lässt „ähnlich“ ziemlich viel Spielraum für teilweise sehr starke Reaktionen auf Stress, die uns letzten Endes sogar unsere Gesundheit kosten können. Dabei kann man hier schon an viele der sogenannten psychosomatischen Erkrankungen denken. Zudem reagieren Menschen unterschiedlich auf Stressoren. Super spannend ist dabei die Rolle von Genetik und Epigenetik. Auch dazu später mehr.

Also: was passiert beim schockierenden Anblick des hungrigen Bären?

Alle Notfall-Mechanismen des Körpers springen an, um der Gefahr zu begegnen. Zur Verfügung stehen erst einmal nur die Optionen: Angriff, Flucht, Verteidigung.

Der Sympathikus als der Teil unseres autonomen Nervensystems, der im Notfall aktiv wird, legt los: Die Herzschlagfrequenz erhöht sich, der Blutdruck steigt, damit das Blut schneller durch den Körper rauscht, um den jetzt notwendigen Zucker schneller in die Muskeln zu transportieren. Mehr Energie lässt uns hoffentlich schneller rennen. Die Pupillen weiten sich und die Atmung wird intensiviert.

Alle Organe, deren Funktionen jetzt nicht gebraucht werden, fahren ihre Arbeit so weit wie möglich zurück: Auf der Flucht brauchen wir weder Sexual- noch Verdauungsorgane. Tatsächlich schränkt das Gehirn seine Denktätigkeit zugunsten der Steigerung unserer körperlichen Kraft ein. Leuchtet die innere rote Stressampel, wird mit den Beinen „gedacht“. Das ist übrigens der Grund dafür, dass viele Menschen unter Stress nicht schlagfertig sind. Erst wenn die „bedrohliche Situation“ vergangen ist, fallen ihnen die starken Antworten ein. 

Haben wir Dank unserer Stressreaktionen glücklich die Bärenattacke überlebt, werden die Notfall-Systeme wieder zurückgefahren. Hirn und Sympathikus „entspannen“, der Alarmzustand wird beendet. 

Zwar dauert es noch ein Weilchen bis die Erregung abgeklungen ist. Der Körper geht langsam in den Entspannungsmodus: der Parasympathikus, als Teil des autonomen Nervensystems, der zuständig ist für Ruhe und Entspannung, übernimmt. Herzschlagfrequenz und Blutdruck sinken. Die Verdauung setzt wieder ein und wahrscheinlich steht nach diesem Bären-Megastress ein Gang zur Toilette an.

Tatsächlich wäre jetzt wieder alles in Ordnung. Der Schaufensterbummel könnte theoretisch weitergehen. Leider gilt das so aber nur für die Fälle, in denen die Situation eindeutig geklärt ist.

Problematisch wird es aber, wenn der Stress in der heutigen Welt zur unvermeidbaren Randbedingung unseres Lebens geworden ist oder als dauernder Zustand gar nicht mehr als solcher fühlbar ist. Heutzutage geht es nicht um grimmige Bären (die Gefahren, die von Raubtieren ausgehen haben wir Menschen ja recht gründlich aus der Welt und in den Zoo gebracht). 

Anstelle der Bedrohung durch einen Bären oder wilde Hunnenkrieger treten heute andere Stressoren in den Vordergrund. Und leider spielt es für unsere körpereigenen Stressreaktionen erst einmal keine Rolle, ob da ein Raubtier seine Zähne fletscht oder ob sich die Zähne in der Gefahr zeigen, wenn uns der Verlust des Arbeitsplatzes droht. Beides sind Bedrohungen, beides löst Angst aus. Auf Angst und Bedrohung reagiert unser Organismus mit seinen Stress-Notfallprogrammen.

Bevor ich die physiologischen und psychologischen Abläufe unter Stress genauer beschreibe, möchte ich Ihnen einige Beispiele aus der Fülle „moderner“ Stressoren geben. All diese alltäglichen Situationen können die gleichen körperlichen und seelischen Reaktionen auslösen wie der Zahn des Tigers.

 

· dauernde Konflikte mit Mitmenschen (von Ehekonflikten bis zu Problemen mit Kollegen)

· seelische Probleme, unterschwellige, unbewusste Konflikte

· Angst, nicht zu genügen (Minderwertigkeitsgefühle, Versagensangst, überhöhte Ansprüche an sich selbst und andere)

·  soziale Isolation, Verachtung und Vernachlässigung, Respektlosigkeit

· Stress durch die Bedrohung des Selbst (eigenes Scheitern oder die Respektlosigkeit anderer)

· Zeitmangel, Termindruck

· Lärm, generell Reizüberflutung der Sinne, viele Aspekte des modernen Lebens (mich stressen oft schon große Menschenmengen)

· Geldmangel, ökonomische Unsicherheit, Existenzangst 

· Krankheiten und Schmerzen, eigene und die von Angehörigen

· Unterforderung, Langeweile, fehlende Gestaltungsmöglichkeiten, Überforderung,    Verantwortungsdruck 

 

Allen Beispielen ist gemeinsam, dass es in der Regel nicht möglich ist auf die Herausforderung oder Bedrohung so eindeutig zu reagieren, wie es im Bärenbeispiel möglich war. Vor allem heißt das, es gibt keine ad hoc Lösung a là Angriff, Flucht, Verteidigung. Im Haushalt des vegetativen Nervensystems und der anderen beteiligten inneren Instanzen des Menschen bleibt ein Ungleichgewicht, das zu psychosomatischen Störungen führen kann. 

Ebenso variabel wie die Stressoren, erscheinen die seelischen und körperlichen Probleme, die von Stress ausgelöst werden können. Von Angst und dem Gefühl von Hilflosigkeit, sich seelisch gelähmt und hoffnungslos zu fühlen einerseits, bis zu andererseits Unruhe und Getriebenheit, ständiger Gereiztheit und Steigerung von aggressivem Verhalten. Von einer Schwächung des Immunsystems mit dauernder Infektanfälligkeit und Verdauungsproblemen bis zu Bluthochdruck und Herzinfarkt.

Auch wenn die Auswirkungen von Stress sich je nach Mensch unterscheiden: einer erscheint weniger empfindlich (Stichwort: Resilienz) und ein andere reagiert schneller auf Belastung mit psychosomatischen Symptomen, gleichen sich die ausgelösten „Mechanismen“ doch auf grundsätzliche Weise.

Das liegt an der Ähnlichkeit unserer psychologisch-physiologischen Struktur. 

 

Weiter geht es in Teil 2.